Claudia Belemann’s Podcast

1763: Der Geburtstag der Schriftstellerin
Caroline Schlegel-Schelling
Author: Claudia Belemann
Editing: Hildegard Schulte
Speakers: Claudia Belemann, Thomas Krause, Barbara Blümel
Interview with Sabine Appel
Original Broadcast: © Westdeutscher Rundfunk Köln, 2 September 2018

WDR Zeitzeichen. Stichtag heute: 02. September 1763, der Geburtstag der Schriftstellerin Caroline Schlegel-Schelling.

[Tür, die zugeschlagen wird, Hundegebell]

“An den Thoren meiner Vaterstadt hängt an einem schwarzen Pfahl eine schwarze Tafel mit der (…) Aufschrift. ‘Allhier werden alle Bettler in das Zuchthaus gebracht.'” Das ist ein bißchen arg, ich räum es ein”

So Friedrich Gotter aus Gotha 1791 an die beste Freundin seiner Frau:

“Aber daß eine hübsche Frau einem wohlgekleideten Manne, der Miene macht, sich ihrem Haus zu nähern, die Thür vor der Nase zuwirft und zum Fenster rausruft: Gebt euch keine Mühe! Ich bin nicht zu Hause, ich mach nicht auf — das ist noch ärger als der Willkommensgruß der Gothaischen Policey.”

[Musik: Mozart KV 183]

Die 28jährige Witwe Caroline Böhmer hat einen heiratswilligen Generalsuperintendenten aus Gotha entschieden abgewiesen. Das macht Friedrich Gotter und seine Frau Luise fassungslos.

Der Theologe ist eine hervorragende Partie, Caroline braucht einen Versorger für sich und ihr Kind. Das ist im Jahr 1791 vollkommen klar — und auch wieder nicht.

Sabine Appel: Es brodelte allenthalben. Es wurden politische Systeme zur Disposition gestellt, Lebensformen, Moralvorstellungen, und sie war da einfach infiziert.

Dr. Sabine Appel — die Biographin von Caroline geborene Michaelis, verwitwete Böhmer, geschiedene Schlegel und verheiratete Schelling.

Das ist tatsächlich eine ganz, ganz revolutionäre Zeit für Frauen, die dann allerdings auch wieder frühzeitig endet — wie so oft in der Geschichte.

Caroline Schlegel-Schelling ist eine wagemutige Person. Statt sich erneut unters Ehejoch zu begeben, zieht sie als alleinerziehende Mutter nach Mainz und erlebt dort die Errichtung der ersten Republik auf deutschem Boden. Ein Abenteuer mit dramatischen Zügen — und nur der Anfang eines radikal anderen Frauenlebens.

[Musik: Ian Brown KV 283 (oder KV 511)]

Sabine Appel: Sie war eigentlich in ihrer gesamten Jugend völlig konventionell.

Aber sehr privilegiert. Ihr Vater ist eine Größe an der Aufklärungs- und Reformuniversität Göttingen.

Sabine Appel: Goethe wollte in seiner eigenen Jugend sehr gerne bei ihrem Vater studieren, das war Johann David Michaelis, ein ganz renommierter Professor für orientalische Sprachen und Theologie.

Vater Goethe hats unterbunden, der wollte also unbedingt einen Juristen aus seinem Sohn machen, und von daher war also zu dem Haus Michaelis eine frühe Familienverbindung schon da. Ich weiß nicht, ob Goethe sie schon in Kindheit kennengelernt hat, das kann ich jetzt nicht sagen.

Auch andere Berühmtheiten haben Vater Michaelis in seinem prächtigen Haus in Göttingen besucht: der junge Amerikaner Benjamin Franklin, zum Beispiel, Gotthold Ephraim Lessing oder auch Alexander von Humboldt. Caroline, die am 2. September 1763, heute vor 255 Jahren, in Göttingen zur Welt kommt, ist eine sogenannte Universitätsmamsell, eine der vielen Gelehrtentöchter.

Sabine Appel: Die hatten natürlich jede Menge Bildungsimpulse. Carolines Freundin Therese Heyne wird später eine namhafte Schriftstellerin und Redaktionsleiterin der wichtigsten Zeitung der damaligen Zeit. Dorothea Schlözer, fünf Jahre
jünger als Caroline, promoviert mit 17 Jahren als erste deutsche Frau zum Dr. phil.: in einer 3½ stündigen Prüfung durch acht Professoren in Fächern wie Latein, Bergbau und Mathematik.

Doch Caroline urteilt:

Caroline: Es ist wahr, Dortchen hat unendlich viel Talent und Geist, aber zu ihrem Unglück, denn mit diesen Anlagen und den bizarren Projecten des Vaters, die sie zu der höchsten Eitelkeit reizen werden, kan sie weder wahres Glück noch Achtung erwarten. Man schätzt ein Frauenzimmer nur nach dem, was sie als Frauenzimmer ist.

Caroline ist fest entschlossen, die Rolle als bürgerliche Ehefrau einzunehmen und heiratet mit 20:

[Musik: Mozart Deh, vieni alla finestra]

Sabine Appel: Es war der Nachbarsjunge.

Der beste Freund ihres Bruders.

Sabine Appel: Sie wollte einfach keine Experimente machen.

Doch genau das entpuppt sich als fatal.

Sabine Appel: Die Szene wechselte schlagartig, nachdem sie aus Göttingen wegkam und dann in Clausthal im Harz mit ihrem Medizinerehemann leben musste als Medizinergattin.

[Musik: KV 511 oder schon Requiem]

Ihr Mann Johann Böhmer, den sie schätzt, aber nicht liebt, arbeitet viel. Sie ist abgeschnitten von dem intellektuell anregenden Leben in Göttingen. Sie wird depressiv:

Caroline: So bin ich ein elendes Geschöpf, das mit Gleichgültigkeit das Morgenlicht durch die Vorhänge schimmern sieht.

Bücher werden zum Überlebensmittel.

Caroline: Mir ist alles willkommen, waß ich noch nicht gelesen habe.

Sie steckt in einer Sackgasse.

Caroline: Die Liebe giebt mir nichts zu thun als in leichten häuslichen Pflichten — ich erwarte nichts mehr von einer rosenfarbnen Zukunft — mein Loos ist geworfen.

[Musik: Requiem 0.45 Akzent und dann Chor]

Doch dann kommt der Tod in ihr Leben und verändert alles. Dr. Böhmer stirbt an einer Infektionskrankheit, die er sich in seiner Praxis zugezogen hat. Caroline wird mit 24 Jahren Witwe. Sie ist hat zwei kleine Töchter und ist mit dem dritten Kind schwanger. Das stirbt bereits zwei Monate nach der Geburt. Und auch Töchterchen Therese wird nur zweieinhalb Jahre alt. Als auch ihr Vater 1791 stirbt, ist ihre Zukunft vollkommen ungewiss und ungeschützt. Der Heiratsantrag von Generalsuperintendent Löffler aus Gotha scheint ein Segen zu sein. Doch Caroline hat sich geschworen:

Göttern und Menschen zum Trotz will ich glücklich seyn.

[Musik: Anfang der Sinfonie g-moll]

Statt erneut eine Vernunft- und Versorgungsehe einzugehen, zieht die junge Witwe mit ihrem einzigen noch lebenden Kind nach Mainz. Dort wohnt sie bescheiden und bessert ihre Witwenrente mit Übersetzungen und dem Nähen von Halstüchern auf. Tochter Auguste ist inzwischen sieben Jahre alt. Sie ist in Clausthal geboren — neun Monate nachdem Goethe als Minister das dortige Bergwerk besucht hat. Das frisch verheiratete Ehepaar Böhmer hat ihn damals sicherlich getroffen. Dass aber Goethe der Vater von Auguste gewesen sein könnte, wie später spekuliert wurde, glaubt Sabine Appel nicht.

Sabine Appel: Ich kann es weder widerlegen noch bestätigen. Aber ich kann mir das nicht vorstellen.

Erst mit der Entscheidung nach Mainz zu ziehen, tritt Caroline aus dem weiblichen Rollenbild ihrer Zeit heraus.

Sabine Appel: Sie hat natürlich durchaus im Hinterkopf gehabt, dass sie sich da in ein unabsehbares Abenteuer stürzt, denn es gab in Mainz schon Jahre bevor diese kurzlebige Mainzer Republik gegründet wurde, revolutionäre Bestrebungen.

[enge Gassen, Markt, Pferde]

Als Caroline 1792 in Mainz ankommt, sind die Freiheitsversprechen der französischen Revolution in aller Munde und die Monarchien in Österreich und Preußen rüsten zur Gegenwehr. Die junge Witwe ist im Revolutionsfieber. An Freundin Luise Gotter in Gotha schreibt sie begeistert:

Wir können noch sehr lebhafte Szenen bekommen, wenn der Krieg ausbrechen sollte — ich ginge ums Leben nicht von hier – denk nur, wenn ich meinen Enkeln erzähle, wie ich eine Belagerung erlebt habe, wie man einem alten geistlichen Herrn die lange Nase abgeschnitten und die Demokraten sie auf öffentlichem Markt gebraten haben — wir sind doch in einem höchst intereßanten politischen Zeitpunkt.

Das findet auch Georg Forster, der erste Ehemann von Carolines Göttinger Freundin Therese. Georg Forster hat schon mit Captain Cook die Welt umsegelt, jetzt will er mithelfen, sie zu verändern.

Sabine Appel: Georg Forster (…) war glühender Revolutionär.

Im Oktober 1792 nehmen die Franzosen Mainz ein und errichten mithilfe des Jakobinerclubs die erste Republik auf deutschem Boden. Georg Forster ist Präsident der Jakobiner. Caroline führt ihm den Haushalt, als Freundin Therese ihren Mann verlässt. Die Briefe, die sie in dieser Zeit geschrieben hat, sind vermutlich vernichtet worden. Caroline verschlingt Revolutionsliteratur und erlebt bei einem Ball eine leidenschaftliche Liebesnacht mit einem 19jährigen französischen Leutnant. Doch die Mainzer Republik ist nur von kurzer Dauer.

[Musik: Trompetensolo aus Winterreise-Session]

Sabine Appel: Der Preis, den sie dafür zahlte: ja! Also sie ist dann nicht mehr rechtzeitig aus Mainz weggekommen als das Kurfürstentum wieder in die Hände der Monarchisten zurückgefallen ist.

[Tür und Hunde]

[Musik: Katze im Sack/Beerdigung]

Caroline und Tochter Auguste kommen in Festungshaft, über zwei Monate. Und Caroline ist schwanger:

“ein Kind der Glut und Nacht,”

Sabine Appel: das Kind des Feindes.

Sie will sich das Leben nehmen, wenn ihre Schwangerschaft bekannt werden sollte.

Sabine Appel: Das insgesamt war wirklich eine Katastrophe und es war eigentlich dazu angelegt, ihr Leben in völliger Entehrung enden zu lassen. Und das wäre wohl auch so gekommen, wenn sie da nicht die rettende Hand der Schlegel-Brüder rausgeholt hätte.

[Musik: The Hunger D 929]

August Wilhelm, der Ältere der Schlegels, der Literaturhistoriker und Shakespeare-Übersetzer, hat eine große Leidenschaft für außergewöhnliche Frauen, später reist er mit Madame de Stael. August Wilhelm Schlegel sorgt nicht nur für die Freilassung von Caroline, er verschafft ihr ein Versteck, damit sie ihr Kind zur Welt bringen kann – und er heiratet sie.

Sabine Appel: Der hat sozusagen ihren bürgerlichen Namen rehabilitiert. Das ging eben nur durch eine ehrbare Heirat mit einem ehrbaren Mann.

[Musik hoch]

August Wilhelm Schlegel ist Kritiker und Rezensent in den von Friedrich Schiller herausgegebenen Horen. Er ist ein von Goethe geschätzter Gesprächspartner, in Jena lässt er sich als Literaturprofessor nieder und wird dort mit seinem Bruder Friedrich zum Mitbegründer der Frühromantik. Die jungen Wilden damals treffen sich im Hause Schlegel in Jena: die Dichter Ludwig Tieck und Novalis, die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schelling. Und Caroline?

[Musik: Impromptu]

Sabine Appel: Sie spielte eine absolut führende Rolle, als weiblicher Mittelpunkt. Also nicht nur als jemand, der — wie wir uns das heute nur so vorstellen in diesen Salonkreisen — eine hübsche Präsenz und eine gute Haushaltsführung macht, um den Herren da die Atmosphäre angenehm zu machen, sondern sie war auch geistig immer der Mittelpunkt.

Dieser Kreis in Jena wird zum Ausgangspunkt einer literarischen Entwicklung von europäischer Bedeutung. Die „Jakobiner der Poesie“ fordern eine Revolution des Bewußtseins. Sie versuchen sich, Leben und Kunst auf poetische Weise neu zu denken.
Caroline ist für das literarische Werk von Schwager Friedrich Schlegel zentrale Inspirationsquelle:

Sabine Appel: “sie taucht da überall auf.”

Sein erotischer Skandalroman „Lucinde“ gilt als heimliches Portrait Carolines.

Was die Romantiker an dieser Frau fasziniert?

Sabine Appel: Diese feste Entschlossenheit, dem Leben eben das Glück abzutrotzen, das sie ihm abtrotzen kann und immer authentisch zu bleiben und auch geistige Impulse in ihr Leben zu übertragen.

Sie unterstützt ihren Mann bei den Shakespeare-Übersetzungen, z.B. bei Romeo und Julia oder Was ihr wollt. Sie kritisiert und lektoriert die Werke der Frühromantiker. Doch der Kreis zerbricht bald — auch daran, dass sich Caroline Schlegel und der 12 Jahre jüngere Philosoph Friedrich Schelling ineinander verlieben.

Sabine Appel: Ich würde schon sagen, dass er ihre große Liebe war.

Ehemann August Wilhelm Schlegel ist voller Verständnis, sein Bruder Friedrich hingegen wird ihr das nie verzeihen. Doch bevor Caroline sich scheiden lässt und Schelling heiratet, ereignet sich die letzte und ultimative Katastrophe ihres Lebens. Drei Kinder hat sie schon verloren, das uneheliche Kind des französischen Vaters, ist als Säugling gestorben. Jetzt aber stirbt mit 15 Jahren auch ihre geliebte Tochter Auguste.

Sabine Appel: Das hat sie eigentlich nicht mehr so richtig verkraftet.

Sechs Jahre bleiben dem Ehepaar Schelling noch. Dann stirbt 1809 Caroline Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling, wenige Tage nach ihrem 46. Geburtstag — an derselben Infektionskrankheit wie ihre Tochter Auguste, an der Ruhr. Friedrich Schelling fällt in eine schwere Lebenskrise und heiratet schließlich die Tochter von Carolines alter Freundin Luise Gotter aus Gotha.

[Musik: Mozart/Klarinettenkonzert/Out of Africa]

Sabine Appel: Es ist so ein bisschen die Parallele zwischen der abgebrochenen Revolution, das ist ja auch ein Freiheitsversprechen, und den abgebrochenen Lebensmodellen und den Experimenten im Leben von Caroline, also diese Freiheit, die sehr stark an ihre Grenzen kommt.

Das Private ist politisch. Was in den 1970er Jahren formuliert wurde, hat Caroline Schlegel-Schelling 200 Jahre zuvor gelebt. Als Schriftstellerin ist sie nicht aufgetreten. Aber ihre Briefe sind voller Poesie, Lebensphilosophie und spitzer Ironie.

Biographin Sabine Appel:

Sabine Appel: Ich denk einfach: ihr Leben ist ihr Werk, ja? also ihre Briefe, da kann man das auch sehen, wie sie da natürlich diese ganzen geistigen Impulse ihrer Zeit aufgreift, sei das jetzt in der Empfindsamkeit, in der Romantik, aber auch in der idealistischen Philosophie. (…) Von daher würde ich schon sagen, ihr Leben und das Lebenswerk, das sie hinterlassen hat in Form ihrer Briefe, das ist so was wie ein Werk.